06 February 2026, 04:32

Villingen-Schwenningen holt vergessene Schicksale der NS-Zwangsarbeit ins Gedächtnis

Ein offenes Tagebuch mit handgeschriebenem Text, das einem im Zweiten Weltkrieg gefallenen deutschen Soldaten gehörte.

Villingen-Schwenningen holt vergessene Schicksale der NS-Zwangsarbeit ins Gedächtnis

Ein neues Projekt in Villingen-Schwenningen bringt die vergessenen Geschichten von NS-Zwangsarbeiter:innen ans Licht

Seit 2025 widmet sich eine Initiative in Villingen-Schwenningen der Aufarbeitung der Schicksale von Zwangsarbeiter:innen während der NS-Zeit. Schulen, Historiker:innen und lokale Einrichtungen arbeiten dabei Hand in Hand, um diese Geschichten zu dokumentieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Schüler:innen haben bereits begonnen, originale Kriegsakten für ihre Recherchen auszuwerten.

Das Projekt mit dem Titel "Lokalgeschichte international: NS-Zwangsarbeit in Villingen-Schwenningen auf der Spur" zielt darauf ab, die Erlebnisse von bis zu 4.000 Männern, Frauen und Jugendlichen zu rekonstruieren, die während des Zweiten Weltkriegs in Schwenningen zur Arbeit gezwungen wurden. Bisher konnten Forscher:innen über 3.400 Zwangsarbeiter:innen identifizieren, rund 150 beteiligte Betriebe sowie etwa 250 Unterkunftsstandorte.

Elftklässler:innen des Romäus-Gymnasiums besuchten kürzlich die Arolsen Archives, um originale Dokumente aus der NS-Zeit zu studieren. Das Gymnasium am Deutenberg bereicherte das Projekt mit einer szenischen Lesung des Stücks "Vergessene Schicksale" und machte historische Berichte so erlebbar. Die Historiker:innen Lisa Schank und Florian Kemmelmeier begleiten das Vorhaben wissenschaftlich und sorgen für dessen Genauigkeit und pädagogischen Wert.

Am 18. Juli 2025 eröffnet im Uhrenindustriemuseum eine Ausstellung, die die Forschungsergebnisse präsentiert. Zudem entsteht eine eigene Website, die im Herbst als langfristige Bildungs- und Forschungsplattform online gehen soll. Das Projekt hat bereits Workshops, Exkursionen und universitäre Abschlussarbeiten angeregt. Partner aus der Forschung und Gedenkstättenarbeit unterstützen die weitere Ausweitung.

Ähnliche Vorhaben laufen auch in anderen deutschen Regionen an. In Walbeck (Sachsen-Anhalt) führen ein lokaler Geschichtsverein und das Landesamt für Archäologie im Oktober 2025 die erste landesweite Grabung in einem Außenlager des KZ Buchenwald durch. In Osnabrück führten Hochschuldozent:innen und Studierende 2023 geoarchäologische Feldforschungen an Orten der Zwangsarbeit durch – und verbanden so Schulen und Universitäten mit der Aufarbeitungsarbeit.

Das Villingen-Schwenninger Projekt gilt als Vorbild dafür, wie historische Forschung mit Bildung verknüpft werden kann. Die Ergebnisse werden online und in Ausstellungen bewahrt, um sie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Immer mehr Städte und Einrichtungen übernehmen nun ähnliche Ansätze, um die eigene lokale Geschichte zu dokumentieren.