Theaterpreise in der Sinnkrise: Wenn Auszeichnungen ihre Glaubwürdigkeit verlieren
Enrico HerrmannTheaterpreise in der Sinnkrise: Wenn Auszeichnungen ihre Glaubwürdigkeit verlieren
Die deutschsprachige Theaterlandschaft steckt in einer tiefen Krise. Einst gefeierte Veranstaltungen wie das Berliner Theatertreffen oder Österreichs Nestroy-Preis haben an Strahlkraft verloren. Kritiker fragen mittlerweile, ob diese Auszeichnungen noch künstlerische Qualität widerspiegeln – oder nur noch einem abgeschotteten Zirkel dienen.
Bei der diesjährigen Nestroy-Verleihung gewann Julia Riedler den Preis für die Beste Hauptrolle in Fräulein Else, doch die Inszenierung von Leonie Böhm erntete scharfe Kritik. Das Theatertreffen, einst ein Höhepunkt des Theaterjahres, ist hingegen zu einer weitgehend ignorierten Veranstaltung mit umstrittenen Auswahlkriterien verkommen.
Der Niedergang dieser Institutionen vollzog sich schleichend, aber unübersehbar. Das Theatertreffen, einst eine Bühne für bahnbrechende Arbeiten, schreibt heute eine 50-Prozent-Quote für Regisseurinnen vor. Viele werfen den Verantwortlichen vor, ihre Entscheidungen seien willkürlich geworden und begünstigten eine kleine Elite statt breiter Exzellenz. Die Aufnahme einer Hauptmann von Köpenick-Produktion aus Cottbus – mit fragwürdiger Jury-Begründung – vertiefte die Skepsis nur.
Auch der Nestroy-Preis, Österreichs renommierteste Theaterauszeichnung, sieht sich Vorwürfen ausgesetzt, seine Maßstäbe gesenkt zu haben. Zwar wurde Riedlers Darstellung in Fräulein Else gelobt, die Regie jedoch weitgehend verrissen. Kay Voges, ehemaliger Direktor des Wiener Volkstheaters, dominierte in dieser Saison sowohl das Theatertreffen als auch die Nestroys – und zementierte damit den Eindruck eines abgeschlossenen Systems.
Doch die Krise beschränkt sich nicht auf Preise. Die Theaterwelt selbst leidet unter Stagnation. Im postdramatischen Theater hat sich eine quasi-familiäre Blase gebildet, verkörpert etwa durch die Münchner Kammerspiele unter dem früheren Intendanten Matthias Lilienthal. Die Wiener Festwochen, noch immer gezeichnet von der problematischen Ära Jan Goossens', setzen nun auf Milo Rau, um ihr Ansehen zu retten.
Einige fordern radikale Reformen, um den Kreislauf zu durchbrechen: Statt Star-Schauspielern sollten Unbekannte gefördert, aufwendige Produktionen zurückgeschraubt und Subventionen in Miettheater oder Popkonzerte umgelenkt werden. Die Ära legendärer Regisseure wie Peter Zadek, Claus Peymann oder Frank Castorf wirkt längst vorbei. Selbst das Cottbuser Theater, nun unter der Leitung von Carola Söllner – deren Hauptmann von Köpenick für das Theatertreffen nominiert war –, ringt mit den Altlasten eines Systems, das viele als marode empfinden.
Die Herausforderungen der Theaterlandschaft sind offenkundig: Preise, die einst Innovation feierten, stehen heute unter Generalverdacht der Voreingenommenheit und Bedeutungslosigkeit. Spielstätten und Festivals, einst lebendig, klammern sich entweder an alte Netzwerke oder suchen verzweifelt nach neuer Führung.
Ohne grundlegende Reformen wird sich die Kluft zwischen der einstigen Blüte des Theaters und seiner heutigen Misere weiter vertiefen. Die Frage bleibt: Kann die Branche ihre selbstzerstörerischen Kreisläufe durchbrechen – oder wird der Niedergang ungebremst weitergehen?