Stromnetzausbau scheitert: Warum Verbraucher für Tennets Versagen zahlen müssen
Harry GirschnerStromnetzausbau scheitert: Warum Verbraucher für Tennets Versagen zahlen müssen
Deutschlands Stromnetzausbau steckt in massiven Verzögerungen und explodierenden Kosten fest. Die geplanten Nord-Süd-Trassen, die windreiche Regionen im Norden mit den energiehungrigen Bundesländern im Süden verbinden sollen, sind noch immer nicht fertiggestellt. Die Folgen dieser Rückschläge treffen nun Haushalte und Stromkunden im ganzen Land.
Im Mittelpunkt der Probleme steht Tennet, der niederländische staatliche Netzbetreiber. Das Unternehmen kämpft mit stark steigenden Ausgaben und hat es nicht geschafft, zentrale Projekte termingerecht umzusetzen. Politische Streitigkeiten und regulatorische Hürden haben die Verzögerungen zusätzlich verschärft – mit der Folge, dass Teile des Netzes überlastet sind und die Verbraucher die Zeche zahlen.
Die Verzögerungen haben mehrere Ursachen: finanzielle Engpässe und politischen Widerstand. Tennet, verantwortlich für wichtige Hochspannungsleitungen, konnte die immer weiter steigenden Kosten für die Nord-Süd-Verbindungen nicht mehr tragen. Eine geplante Teilübernahme durch Deutschland scheiterte, nachdem Politiker das Vorhaben blockierten – Tennet blieb damit ohne zusätzliche Mittel.
Auch die Regulierungsbehörden haben die Ausgabenkontrolle verschärft. Die Bundesnetzagentur (BNetzA) prüft die Kosten für den Netzausbau nun strenger, um zu verhindern, dass die Netzentgelte weiter in die Höhe schnellen. Doch diese Vorsicht bremst den Fortschritt zusätzlich aus. Ohne die neuen Trassen leidet Süddeutschland unter anhaltenden Engpässen, die teure Notfallmaßnahmen erfordern. Die sogenannten Redispatch-Kosten – Ausgaben für die Umleitung von Strom bei Überlastung – werden auf alle Stromrechnungen umgelegt.
Die Schwächen des Netzes wirken sich mittlerweile direkt auf Privathaushalte aus. In Baden-Württemberg hängen Genehmigungen für neue Solaranlagen in langwierigen Prüfverfahren fest, sodass manche Eigentümer ihren Überschussstrom nicht ins Netz einspeisen dürfen. Die lokale Initiative Fairnetz hat eine Übergangslösung gefunden: Betroffene Haushalte dürfen ihre Solaranlagen vorläufig nur für den Eigenverbrauch nutzen – selbst ohne Einspeiseerlaubnis.
Unterdessen hat Tennets finanzielle Schieflage internationales Interesse geweckt. Ein Konsortium unter Führung des norwegischen Staatsfonds und des niederländischen Pensionsfonds APG bereitet ein verbindliches Angebot für eine Kapitalerhöhung vor, das bis Mitte September vorliegen soll. Der Schritt könnte Tennets Liquidität verbessern, die grundsätzlichen Probleme im Netz aber nicht kurzfristig lösen.
Zusätzlichen Druck übt die EU aus, die das deutsche Modell einer einheitlichen Preiszone abgelehnt hat. Wegen der deutlichen Kostendifferenzen zwischen Nord und Süd fordert Brüssel nun getrennte Strompreise – eine weitere Komplikation für ein ohnehin schon überlastetes Netz.
Seit 2023 setzt die Politik vor allem auf kurzfristige Lösungen, statt den stockenden Ausbau der Nord-Süd-Trassen zu beschleunigen. Die Bundesnetzagentur hat den grenzüberschreitenden Redispatch mit französischen Atomkraftwerken ausgeweitet (2025 um 11,6 Prozent mehr) und die Regeln für Batterieanschlüsse verschärft. Tennet testet gemeinsam mit Partnern wie Amprion und RWE intelligente Messsysteme und Engpassmanagement. Doch keine dieser Maßnahmen behebt das Kernproblem: die fehlenden "Stromautobahnen" zwischen den deutschen Regionen.
Die unvollendete Netzexpansion löst eine Kettenreaktion aus. Haushalte in sonnenreichen Gebieten dürfen keinen Strom mehr einspeisen, während alle Verbraucher die höheren Kosten für Notfall-Umleitungen tragen müssen. Da Tennets Rettungspaket noch unsicher ist und bürokratische Hürden den Fortschritt bremsen, drohen sich die Probleme weiter zu verschärfen.
Das für Mitte September erwartete Angebot zur Kapitalerhöhung könnte Tennet vorläufig entlasten. Doch ohne schnellere Genehmigungsverfahren und klarere politische Unterstützung bleiben die Nord-Süd-Verbindungen – und damit eine stabile, bezahlbare Stromversorgung – in weiter Ferne.






