"Salome" von Evgeny Titov: Ubiquiteres Verlangen
„Salome“ von Evgeny Titov: Allgegenwärtiges Begehren
Teaser: Was tut man mit einem Skandalwerk, das vor 100 Jahren für Aufruhr sorgte – wenn der Skandal heute verflogen ist? An der Komischen Oper Berlin präsentiert Evgeny Titov eine neue Interpretation von Richard Strauss’ Salome, gesangsfreundlich inszeniert und doch radikal modern.
28. November 2025
Die Komische Oper Berlin wagt sich mit einer mutigen Neuinszenierung von Richard Strauss’ Salome auf das Parkett – unter der Regie von Evgeny Titov. Das einst wegen seiner schockierenden Themen verbotene Werk kehrt zurück mit einem markanten, matt-goldenen Bühnenbild und einem frischen Blick auf seine fanatischen Figuren.
Die Vorstellungen finden am 7., 12. und 18. Dezember statt und bieten dem Publikum die Gelegenheit, diese intensive und visuell packende Deutung zu erleben.
Im Mittelpunkt von Strauss’ Salome stehen drei von Besessenheit getriebene Gestalten: die Prinzessin Salome, ihr Stiefvater König Herodes und der gefangene Prophet Jochanaan. Die Handlung treibt unaufhaltsam auf die Tragödie zu, als Salome, von Begierde zerfressen, einen Kuss von Jochanaan fordert – und brutal zurückgewiesen wird. Ihre Rache nimmt ihren Lauf, als Herodes, fasziniert von ihrem Tanz, ihr jeden Wunsch erfüllt. Sie verlangt Jochanaans abgetrennten Kopf.
Titovs Inszenierung verortet die Geschichte in einem kargen, goldenen Gewölbe. Seine Regie entlarvt das Begehren selbst als zentrales Thema und füllt die Bühne mit maskierten Tänzern, die Salome während ihres berüchtigten Tanzes spiegeln. Diese Entscheidung verwischt die Individualität und stellt die Frage, wer in dieser Geschichte tatsächlich die Macht innehat. Gleichzeitig reduziert sie Salomes eigene Handlungsmacht und zeigt sie als Figur, die größeren Kräften ausgeliefert ist. Das Ensemble meistert diese Herausforderungen mit Bravour: Nicole Chevalier übernimmt die anspruchsvolle Partie der Salome und bewältigt sowohl die überwältigende Orchestrierung als auch das unebene Bühnenterrain. Matthias Wohlbrecht verleiht dem Herodes als scharfkantige Stimme die zerrinnende Furcht und Grausamkeit des Königs. Das Ergebnis ist eine Produktion, die dem beunruhigenden Kern des Werks treu bleibt und zugleich eine kühne visuelle Neuerfindung bietet.
Trotz seiner umstrittenen Vergangenheit hat sich Salome als Meisterwerk dramatischer Spannung und musikalischer Brillanz behauptet. Diese neueste Inszenierung führt dieses Erbe fort, indem sie Strauss’ überwältigende Partitur mit Titovs provokanter Regie verbindet.
Titovs Salome fordert das Publikum mit ihrem schroffen Design und der vielschichtigen Darstellung von Begierde heraus. Die drei Dezember-Vorstellungen werden zeigen, ob diese radikale Interpretation beim modernen Publikum Anklang findet. Für alle, die sich zu den dunkleren, experimentelleren Seiten der Oper hingezogen fühlen, verspricht die Version der Komischen Oper Berlin ein unvergessliches Erlebnis.