Misshandlungsvorwürfe im Turnsport: Baden-Württembergs dunkles Trainer-Erbe
Harry GirschnerMisshandlungsvorwürfe im Turnsport: Baden-Württembergs dunkles Trainer-Erbe
Eine Welle von Misshandlungsvorwürfen erschüttert den Turnsport in Baden-Württemberg – die Vorfälle reichen bis zu zwei Jahrzehnte zurück. Der Skandal nahm 2024 seinen Anfang, als die ehemalige Turnerin Meolie Jauch an die Öffentlichkeit ging und damit eine Flut von Berichten über psychische und körperliche Misshandlungen auslöste. Seither haben die Ermittlungen an Fahrt aufgenommen: Staatsanwaltschaften und Sportverbände prüfen mittlerweile zahlreiche Fälle von Fehlverhalten.
Die Debatte gewann weiter an Brisanz, nachdem Jauchs Aussagen nach ihrem Karriereende langjährige Missstände in der Turnszene der Region offenbarten. Bis Januar 2025 hatte der Deutsche Turner-Bund einen unabhängigen Expertenrat eingesetzt und eine externe Untersuchung eingeleitet. Teile dieser Ermittlungen wurden jedoch ausgesetzt, nachdem die Staatsanwaltschaft den Verband aufforderte, vorerst keine Zeugen zu befragen.
Ende Januar 2025 entließ der Schwäbische Turnerbund zwei leitende Trainer: Marie-Luise Mai und Giacomo Camiciotti. Beide klagten erfolgreich vor dem Arbeitsgericht – doch der Verband legte nun Berufung gegen die Urteile ein. Unterdessen leitete die Staatsanwaltschaft im Februar 2025 ein Verfahren gegen einen Trainer des Stuttgarter Kunstturn-Forums ein. Bis Dezember 2025 liefen dann Strafverfahren gegen Mai, Camiciotti und einen dritten, namentlich nicht genannten Trainer.
Die Vorwürfe reichen von Drohungen und Demütigungen bis hin zu erzwungenem Training trotz Verletzungen. Betroffene Turner:innen berichten, mit Knochenbrüchen antreten zu müssen, ihnen sei medizinische Versorgung verweigert und sie seien zum Konsum von Schmerzmitteln gedrängt worden. Einige schildern auch vorsätzliche Vernachlässigung, Essstörungen und Gewaltandrohungen. Die Ermittler konzentrieren sich auf den Vorwurf des versuchten und vorsätzlichen Körperverletzungsdelikts sowie auf Nötigung durch Unterlassen.
Baden-Württembergs Bildungsministerin Theresa Schopper fordert eine lückenlose Aufklärung der Vorfälle. Sie warnte, dass Landesmittel gestrichen würden, sollte der Verband nicht kooperieren. Bisher gab es jedoch weder Kürzungen bei der Sportförderung noch Veränderungen in der Aufsicht über Trainingszentren wie das Stuttgarter Haus der Athleten. Einzig eine von Klaus Pflieger geleitete Arbeitsgruppe führt derzeit Gespräche mit betroffenen Turner:innen.
Auch zwei prominente Persönlichkeiten gerieten in den Fokus der Ermittlungen: Thomas Gutekunst, Vorstandsvorsitzender des Bereichs Olympischer Spitzensport, und Alfons Hölzl, ehrenamtlicher Präsident des Turnerbunds.
Der Skandal hält die Branche weiter in Atem – mit laufenden Rechtsstreitigkeiten, Berufungsverfahren und Ermittlungen. Während die Staatsanwaltschaft mehrere Misshandlungsfälle prüft, steht der Verband unter Reformdruck. Bis die Untersuchungen abgeschlossen sind, bleibt die Landesförderung ungewiss – und die betroffenen Sportler:innen warten weiter auf Antworten.